...und es tut immernoch verdammt weh! 28.05.12
Fünf Jahre sind nun vergangen seit dem tragischen Unfalltod von Caspar Rehner und Sven Bosse am 29. Mai 2007. Die beiden Berliner Jugendlichen waren unterwegs zum Konzert "Laut gegen Nazis" der "Fantastischen 4" in der Fichtelgebirgshalle, das von der Wunsiedler Jugendinitiative mit organisiert worden war.

Obwohl wir die beiden nicht persönlich kannten, waren wir dennoch geschockt und zutiefst betroffen über die traurige Nachricht. Wunsiedler Jugendliche hatten an Caspars Idee vom "Mut-ABC für Zivilcourage - Ein Handbuch gegen Rechtsextremismus - Von Schülern für Schüler" mitgearbeitet, das ein Jahr nach dem Unfall erschienen ist.

Gewidmet ist das Buch den beiden Schülern, ein Zitat von Caspar ist dem Buch vorangestellt:
„…damit wirklich alle Menschen in Frieden leben können, ist auch eine Art persönlicher Frieden notwendig, welcher größtenteils darauf basiert, dass jeder in seinem Denken und Handeln frei ist, jedoch durch sein Denken und Handeln niemand anderen in seiner Freiheit einschränkt. Man kann also sagen, dass Frieden nur dann möglich ist, wenn sich alle Menschen gegenseitig achten und respektieren“.
Caspar Rehner (t) in der Jugendzeitung „politikorange“, Themenausgabe Krieg

Unser tiefes Mitgefühl gilt in diesen Tagen den Eltern und Geschwistern sowie allen Angehörigen und Freunden von Caspar und Sven. Wir werden die beiden stets in Erinnerung behalten!


HINTERGRUND

Tod im MUT-T-Shirt
Caspar und Sven sind tot.


Von Holger Kulick

Ihnen fehlten nur noch sieben Kilometer. 381 hatten sie bereits hinter sich auf der Fahrt von Berlin nach Wunsiedel. Das Ziel: Ein Konzert der Fantastischen Vier "Laut gegen Nazis" in Wunsiedel. Dann prallte ihr Wagen gegen einen Baum.

"Fantastisch gegen Nazis" betitelte die Wunsiedler Frankenpost ihre Ausgabe vom 30. Mai 2007. Mit einem stimmungsvollen Foto euphorischer Hip-Hop-Fans. Sie tanzten beim Fanta4 -Konzert "laut gegen Nazis" in der dicht gefüllten Wunsiedler Fichtelgebirgshalle.

Dort wollten auch sie hin: mein Sohn Caspar und sein bester Freund Sven, beide 19 Jahre, ja fast 20 Jahre alt, beide hatten gerade ihr Abitur in Berlin hinter sich. Mit an Bord ihres Ford Escort mehrere Päckchen Informationsmaterial über Mut gegen rechte Gewalt und die Berliner Amadeu Antonio Stiftung, die deutschlandweit kleine Initiativen gegen Rechtsextremismus und für Demokratische Kultur fördert und berät. An die Stiftung sollte ein Teil der Einnahmen gespendet werden, zur Weitergabe an kleinere Projekte, die keine staatlichen Zuschüsse kriegen. Caspar und Sven hatten vorher extra Aufkleber und Broschüren in unserer Redaktion abgeholt, Caspar wollte mir einen Gefallen tun und es bei den Konzertveranstaltern abgeben, bei Bedarf auch am Infostand aushelfen. Doch beide kamen nie an.

Warum, das veranschaulicht die Frankenpost vom gleichen Tag auf einem bedrückendem Foto in ihrem Innenteil: Wegen einer Baustelle auf dem direkten Weg von der Autobahn nach Wunsiedel, musste Caspar einige Kilometer Umweg fahren, die Landstraße deutlich schmaler und regennass. Ausgerechnet mitten auf einer Geraden passierte es dann. Vielleicht hatte ein Tier abrupt die Straße überquert, war ein anderes Auto zu weit rechts entgegengekommen, oder irgendeine andere klitzekleine dumme Unaufmerksamkeit passiert - Zeugen gibt es nicht, Caspar galt allerdings als sicherer und nicht übermütiger Fahrer.

Doch bei Straßenkilometer 21 vor Röslau bei Wunsiedel kam der Wagen mit einem Rad nur leicht über den unbefestigten Fahrbahnrand, der an dieser Stelle einige Zentimeter absackt, stellte sich sofort quer beim Gegenlenken und prallte mit voller Wucht seitlich gegen einen Straßenbaum, um den er sich förmlich wickelte. Beide hatten keine Überlebenschance. Kein Tod durch Gewalt, der irgendjemand vorzuwerfen wäre, aber ein Tod, dem ein tiefes Engagement zugrunde liegt.

Beide waren nicht nur des Konzerts wegen nach Wunsiedel gefahren, um die Fanta4 zu erleben, beide wollten sich für uns engagieren und haben sich für uns engagiert. Erstmals demonstrativ vor zwei Jahren: Als am 8. Mai 2005 Neonazis in Berlins Unter den Linden aufmarschieren wollten, veranstaltete die Amadeu Antonio Stiftung mit den Gruppen Silbermond und Brothers Keepers einen Gedenkspaziergang im alten Scheunenviertel Berlins, um dieses Stadtviertel, aus dem im Dritten Reich besonders viele Juden deportiert wurden, als Ausweichroute der Neonazis zu blockieren. Sven und Caspar demonstrierten damals stolz in 'Brothers Keepers'-Pullovern mit.

Caspar schrieb seitdem gelegentlich für uns und hatte uns zuletzt als Korrektor der Jugendzeitung "extrem*" geholfen, die unsere Redaktion kürzlich gemeinsam mit dem Verband der Jugendpresse über Rechtsextremismus produziert hat. Auch davon hatte er zwei Bündel mit nach Wunsiedel genommen, nun liegen sie verstreut am Straßenrand. In dem Heft ist auch eine Buchempfehlung von Caspar enthalten, nochmals nachzulesen unter diesem Link: "Schwarz-Rot-Gold", ein Jugendkrimi hatte es ihm angetan, der eindrucksvoll beschreibt, wie leicht Kinder und junge Leute von Neonazis geködert werden können, die sie dazu verführen, ihre Vorurteile auszuleben, statt ihren Verstand.

Caspar konnte Extremisten nicht verstehen. Daher waren ihm Menschen, die Hass säen, ein Gräuel, Neonazis allen voran. Er war ein Mensch, der nach Ausgleich suchte und Ausgleich vermittelte. Und er war zutiefst pazifistisch. Anfang September hätte er ein soziales Jahr begonnen, er hatte sich in Belgien als Jugendleiter in einer Gedenkstätte der Kriegsgräberfürsorge beworben. Die Zusage hatte er schon. Sein bester Kumpel Sven wiederum wollte ab Juli zur Bundeswehr, weil ihm deren Friedenseinsätze so imponierten. Für beide kein Gegensatz, sondern eine gemeinsame Vision. So war Caspar auch aktiv in der europäischen Jugendbewegung der Europa-Union e.V..

Er, der wie Sven zwei Jahre vor dem Mauerfall geboren worden war, sah in dem mehr und mehr zusammenwachsenden Europa eine Riesenchance, den hier seit 1945 gewachsenen Frieden weiter zu festigen. Er reflektierte und philosophierte gerne darüber. Er wollte irgendwie daran mitwirken, dass weder Hass noch Gewalt diesen Kontinent noch einmal prägen, weder zwischen Staaten, noch zwischen Menschen, erzählte er. Mauern, nie wieder, auch nicht im Kopf.

Klar sei das nur ein Wunschtraum, räsonierte er, aber ihn umzusetzen, sei jede Mühe wert. In Wunsiedel imponierte ihm, wie es einer örtlichen Jugendinitiative kreativ gelungen war, erst ihre CSU-Bürgermeister und infolge die ganze Stadt dafür zu gewinnen, Europas Neonazis auszusperren, die hier jedes Jahr Mitte August auflaufen wollen, um Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess zu verehren, der in Wunsiedel beerdigt ist. Auch in diesem August wollte Caspar wieder nach Wunsiedel kommen, um mit gegen die erklärten Menschenfeinde zu demonstrieren. Doch jäh sind seine und Svens Pläne und Träume an einem Straßenbaum zerplatzt. Am 29. Mai um 20 Uhr 18 ging bei der Polizei der erste Notruf ein, mehr als 20 Helfer waren danach bei der Bergung im Einsatz.

Aber helfen konnte niemand mehr. In der Friedhofskapelle von Wunsiedel wurden nun Sven und Caspar noch einmal für ihre Angehörigen vor ihrer Überführung am heutigen Freitag nach Berlin aufgebahrt. Dort findet am 8. Juni eine Abschiedsfeier statt. Caspar trug bei der Bergung noch sein grünes T-Shirt mit roter "Mut-gegen-rechte-Gewalt"- Aufschrift, er hatte es sich extra vor dem Start nach Wunsiedel angezogen und auch für Sven eins mitgenommen, mit dem er seit der 5. Klasse die Schulbank teilte. Er war so stolz darauf.

Eine Dreiviertelstunde nach ihrem grauenvollen Unfall begann das Fanta4-Konzert in Wunsiedel mit Caspars Lieblingslied aus den vergangenen Wochen: "Wir ernten, was wir säen". Dort ahnte man zu dieser Zeit noch nichts von dem tragischen Geschehen. Beide hätten es so gerne mitgetanzt und gesungen.

Caspar und Sven, ihr seid zwei prima Kerle gewesen - und ihr werdet es bleiben, tief, tief im Herzen. Und ich, und wir hier in der MUT-Redaktion, wir können nur versprechen, Euch verpflichtet zu bleiben, mit allem, was wir schreiben und tun. Das ist der einzige Trost, der Euch jedoch nie ersetzen kann. Es tut alles so verdammt weh, es tut scheißweh.

von Julian Ott
Orignialtext: Holger Kulick, www.mut-gegen-rechte-gewalt.de
Bild: www.blogspot.com

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