2.000 Lichter gegen das Vergessen 18.11.09
Dunkel ist es in Wunsiedel. Und kalt. 2000 kleine Kerzen brennen auf den Straßen. Kerzen, die erinnern sollen an die unzähligen Opfer von Nationalsozialismus und Neonazismus. Schweigend ziehen 1000 Wunsiedler Bürgerinnen und Bürger durch die Stadt. Sie gedenken der Opfer und nicht der Täter.

Es ist Samstag, der 14. November 2009, ein Tag vor dem Volkstrauertag. Die rechtsextreme NPD hat zum Trauermarsch für ihren verstorbenen stellvertretenden Bundesvorsitzenden Jürgen Rieger nach Wunsiedel geladen. Die Stadt gleicht einem Hochsicherheitsgefängnis, 1500 Polizisten aus Bayern, Hessen und von der Bundespolizei sind im Einsatz. Wer an diesem Tag nach Wunsiedel will, muss sich und sein Auto durchsuchen lassen. Viele Wunsiedler sind entsetzt und fühlen sich erinnert an die Zeit vor fünf Jahren, als jährlich im August tausende Nazis durch die Stadt marschierten, abgeschirmt von genauso vielen Polizisten.

Um 14 Uhr beginnt auf dem Marktplatz der „Tag des Gedenkens“, organisiert vom „Wunsiedler Bündnis gegen Rechtsextremismus“. Bürgermeister Karl-Willi Beck und Karl Rost, Sprecher der Bürgerinitiative, stellen das Programm vor und begrüßen die Mitstreiter. Fast 1000 Menschen sind gekommen, einer für zehn Einwohner.

Zeitgleich in der Egerstraße: Ca. 850 Alt- und Neonazis sammeln sich vor der Jean-Paul-Schule. Ein mickriges Häufchen und ein Schlag ins Gesicht der Organisatoren, hatten sie doch damit gerechnet, bis zu 10.000 Anhänger mobilisieren zu können. Parteiinterne Streitereien, Frust über die schlechte Organisation und Information seitens der Parteiführung und nicht zuletzt Verärgerung darüber, dass Rieger „seine“ Szene enterbt hatte, werden in einschlägigen Internetforen als Begründung genannt.

Um 14.30 Uhr setzt sich vom Marktplatz aus ein Zug in Bewegung, über den Kreisverkehr am Busbahnhof, Karl-Sand-Straße und Hackerplatz zurück zum Marktplatz. In vorderster Reihe wird ein Banner getragen. „Wir gedenken der Opfer des Todesmarsches“ steht darauf. Immer wieder bleibt der Zug stehen und Karl Rost berichtet über einen Todesmarsch vom KZ Buchenwald nach Flossenbürg im Frühjahr 1945. Auf genau dieser belegten Route läuft auch die „Staße des Gedenkens“. „Auf diesem Friedhof liegen 30 jüdische Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns“ steht auf einem Transparent. An diese Opfer wollen sich die Wunsiedler erinnern und ihrer gedenken.

Streng bewacht von der Polizei machen sich kurz vor 15 Uhr 30 Mitglieder der Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus und Unterstützer auf den Weg von der Egerstraße in Richtung Stadtkirche St. Veit. Angeführt wird die Gruppe von Pfarrer Jürgen Schödel. Jeder trägt ein Holzkreuz mit sich, daran hängen jeweils fünf Schilder mit Namen. Es sind die Namen der Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit 1990 in Deutschland. Eine erschreckend hohe Zahl, insgesamt 144. Vor dem Friedhof bleibt der Zug stehen. „Wir gedenken der Opfer und nicht der Täter!“ skandiert die Gruppe. Fotografen und Kameraleute eilen herbei. Einige Interviews werden gegeben, dann gehts weiter in Richtung Kirche.

Wenig später setzt sich der Trauermarsch der Rechten in Bewegung. Als dieser, abgeriegelt von einem Großaufgebot der Polizei, an der Kreuzung oberhalb der Fichtelgebirgshalle vorbeikommt ist von der Trauermusik nichts zu hören. Stattdessen müssen die Nazis ein Pfeifkonzert und „Nazis raus!“-Rufe über sich ergehen lassen. Auf einem Schild in der Form eines Sarges steht geschrieben: „Follow your leader - do it like Rieger!“. Auf dem Marktplatz geht unterdessen das offizielle Programm weiter. Die Landtagsabgeordnete Ulrike Gote und der Bundestagsabgeornete Hans-Peter Friedrich geben kurze Statements ab, Künstler und Musiker geben ihre Werke zum Besten.

Um 16 Uhr beginnt vor der Stadtkirche St. Veit ein ökumenischer Stationengottesdienst der beiden Kirchen und der Jugendinitiative. Pfarrer Jürgen Schödel macht deutlich, dass Nazis nicht nur in der Vergangenheit sondern auch heute äußerst brutal gegen Andersdenkende vorgehen. Das wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass seit 1990 in Deutschland 144 Menschen von Nazis ermordet wurden. Anschließend lesen Jugendliche 50 Namen der Opfer vor. „07.10.1990 - Andrzej Fratczak - Lübbenau, Brandenburg; 06.12.1990 - Amadeu Antonio Kiowa - Eberswalde-Finow, Brandenburg...“ Für jeden Namen wird eine Kerze angezündet. Stellvertretend wird die Geschichte eines Opfers herausgegriffen und dargestellt. Es folgt ein Gebet, dann geht es weiter zum Kindergarten in der Maximilianstraße. Es ist mucksmäuschenstill. Weitere 50 Namen folgen: „29.05.1993 - Gülüstan Öztürk - Solingen, Nordrhein-Westfalen; 05.06.1993 - Horst Hennersdorf - Fürstenwalde, Brandenburg...“. Zehn Kreuze und 50 Kerzen bleiben auf der Straße stehen. Wieder folgt ein Gebet und der Zug zieht mit den verbliebenen Holzkreuzen und Kerzen im Gepäck weiter zum Luisenburg-Gymnasium. Es werden die letzten Namen verlesen: „... 24.08.2008 - Marcel W. - Bernburg, Sachsen-Anhalt; 01.07.2009 - Marwa Ali El-Sherbini - Dresden, Sachsen“. Pfarrerin und Betreuerin der Jugendinitiative Susanne Böhringer mahnt, wachsam zu sein und aktiv zu werden, einzuschreiten, nicht zuzuschauen. Die Gemeinde betet das Vaterunser und Pfarrer Schödel spricht abschließende Segensworte. Dann geht es zurück zum Marktplatz.

Von dort aus wird noch eimal eine „Straße des Gedenkens“ abgelaufen. 2000 kleine Kerzen brennen auf den Straßen. Kerzen, die erinnern sollen an die unzähligen Opfer von Nationalsozialismus und Neonazismus. Schweigend ziehen 1000 Wunsiedler Bürgerinnen und Bürger durch die Stadt. Sie gedenken der Opfer und nicht der Täter. Dunkel ist es in Wunsiedel. Und kalt.


Weitere Bilder der Gedenkveranstaltung gibt es
in unserer Galerie und
bei der Frankenpost.

Es gibt auch ein Video von TV Oberfranken.

von Julian Ott
Foto: Manuel Riedl

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